Ein Beitrag von Dr. Tina Mühlenberg

Diabetes mellitus erfordert, wie viele andere chronische Erkrankungen, eine eigenverantwortliche Selbsttherapie. Nur dadurch können Betroffene im Alltag ihren Stoffwechsel normalisieren und damit das Risiko diabetesbedingter Folgeerkrankungen senken. Die Behandlung ist eine ambulante Langzeitbehandlung und die Schulung ein integraler Bestandteil dieser Behandlung.

„Schulung“: Da denken viele Menschen an muffige Klassenzimmer, langweiligen Frontalunterricht und unangenehme Prüfungssituationen. Die moderne Diabetiker-Schulung hat damit nichts mehr gemeinsam.
Die Grundprinzipien einer ganzheitlichen, strukturierten Diabetesschulung wurden von der Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin der DDG formuliert:

1. Freiwilligkeit und maximale Entscheidungsfreiheit der Schulungsteilnehmer
2. Schulung in einer Gruppe mit gemeinsamem Anfang/Ende und strukturiertem Ablauf
3. ganzheitliche Betrachtung des Diabetes und der Therapie im Leben des Betroffenen
4. Berücksichtigung psychosozialer Aspekte in der Konzeption aller Schulungsthemen und Einbeziehung in das Gespräch
5. besondere Berücksichtigung von Kindern mit Diabetes und ihren Eltern
6. Gruppengespräche zu psychosozialen Fragen des Lebens mit Diabetes
7. Vermeiden von Anweisungen; Freiräume für Schulungsteilnehmer zum Erproben eigener Lösungsalternativen
8. Ermöglichung von Aktivität der Betroffenen einzeln und in der Gruppe
9. Vermittlung gezielter psychotherapeutischer Hilfen

Das Behandlungsteam ist für die Schulungsteilnehmer jederzeit ansprechbar und offen für Rückmeldungen.
Es ist bekannt, dass Schulungen, die sich an diesem Modell orientieren, bessere Langzeiterfolge im Sinne einer ganzheitlichen Kompetenz und Eigenständigkeit der Betroffenen in der Selbsttherapie aufweisen.

Die gemeinsamen Ziele der verschiedenen Schulungs- und Behandlungsprogramme sind:

  • die Förderung der Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit
  • die gemeinsame Erarbeitung von Therapiezielen
  • die Gestaltung der Therapie unter Berücksichtigung der individuellen Lebensbedingungen und Bedürfnisse der Betroffenen
  • die Prävention diabetesspezifischer Komplikationen

Das gemeinsame Training erfolgt mit Hilfe patienteninaktiver Methoden (Vortragen, Zeigen, Erklären, Zeichnen, Vorführen etc.) und patientenaktiver Methoden (Diskussion, Erfahrungsaustausch, Erarbeiten, Ausfüllen, Aufschreiben, Sortieren, Zuordnen etc.) sowie durch gruppenaktives Arbeiten (Rollenspiel, Partnerinterview, Brainstorming, Murmelgruppen, Sortieraufgaben, Stimmungsbarometer etc.). Unterschiedliche Materialien (Messgeräte, Pens, Therapieplaner, Fußpflegeutensilien etc.) und Medien (Folien,Arbeitsblätter, Kollagen, Literatur, Abbildungen etc.) werden eingesetzt.

Inhaltlich gibt es verschiedene Schulungsprogramme, die sich an der Zielgruppe orientieren.

  • Schulung für Typ 2 Diabetiker ohne Insulin
  • Schulung für Typ 2 Diabetiker mit Insulin
  • Schulung für Typ 1 Diabetiker
  • Schulung für Hypertoniker
  • Schulung für schwangere Diabetiker und Gestationsdiabetikerinnen
  • Schulung für Patienten mit Erektionsstörungen
  • Schulung für Diabetiker mit Blutzuckerwahrnehmungsstörungen
  • Schulung für Patienten mit Fußkomplikationen

Diese Programme werden in Gruppenschulungen mit 6-8 Betroffenen (und Angehörigen) einzeln und zum Teil kombiniert durchgeführt. Einzelberatungen werden insbesondere für schwangere Betroffene angeboten.
Psychosoziale Themen wie Bedrohung durch Folgeerkrankungen, Essprobleme, Übergewicht, Belastung durch Unterzuckerung, Belastung durch Folgeerkrankungen, sexuelle Probleme, Impotenz, Fußprobleme etc. sind je nach individuellem Bedarf Bestandteil aller Schulungen.

Die strukturierte Diabetesschulung hat bereits wesentlich dazu beigetragen, den Anteil von Menschen, die selbstverantwortlich die Therapie übernehmen, zu erhöhen. Sie kann die Lebensqualität eines Diabetikers verbessern und sein Risiko für Folgeerkrankungen reduzieren.

Die genannten Grundsätze und Ziele kennzeichnen den qualitativen Anspruch aller Teammitglieder an die Schulungen in der eigenen Schwerpunktpraxis.